top of page

BERLIN

INVALIDEN-STRAßE

2025

Wenn in Berlin-Mitte ein Gebäude weichen muss, ist Platz Mangelware. Beim Rückbau des ehemaligen Landeslabors Berlin-Brandenburg war die Lage extrem: Eingeklemmt zwischen der vielbefahrenen Invalidenstraße und dem Hauptbahnhof, wurde der Abriss zur Millimeterarbeit. Für die Seliger GmbH aus Potsdam bedeutete dies: Sägen statt Baggern und Statik am Limit.

Berlin, Invalidenstraße. Wer hier arbeitet, steht unter Beobachtung. Straßenbahnen takten im Minutentakt, Autos schieben sich vier- bis fünfspurig Richtung Regierungsviertel. In genau diesem infrastrukturellen Nadelöhr befand sich bis vor Kurzem das ehemalige Landeslabor Berlin-Brandenburg. Ein massiver Betonbau mit sechs Etagen, der aufgrund seiner exponierten Lage nicht konventionell abgebrochen werden konnte.

Für die Planer und die ausführende Seliger GmbH stand fest: Ein Einsatz von Longfront-Baggern oder Abrissbirnen war für den vorderen Gebäudeteil ausgeschlossen. Die unmittelbare Nähe zur Bundesstraße und den Oberleitungen der Tram definierte einen kritischen Gefahrenbereich. Damit der Verkehr ohne Unterbrechung weiterrollen konnte, entschied man sich für ein technisches Rückbauverfahren, das das Gebäude Stück für Stück demontierte.

 

Strategie: Der treppenförmige Rückbau

Die statischen Berechnungen ergaben eine klare Marschroute zur Entlastung des Gefahrenbereichs: eine treppenförmige Rückbauweise. Während in den oberen Etagen eine größere Distanz zur Straße eingehalten werden musste, konnte in den niedrigeren Etagen näher an die Grundstücksgrenze gearbeitet werden. So entstand eine temporäre Terrassenstruktur, die verhinderte, dass Trümmerteile auf die Fahrbahn stürzen konnten.

Die Aufgabe der Seliger GmbH war es, diesen sensiblen Bereich kontrolliert abzutragen. Das zentrale Werkzeug hierfür war ein Mobilkran mit einem 80-Meter-Ausleger, der die zerteilten Gebäudestücke aus dem Verbund hob.

 

Das Lastdiagramm diktiert den Schnitt. In der Betonbohr- und Sägebranche ist das Gewicht des Schnittguts entscheidend. Bei diesem Projekt war es variabel und extrem abhängig von der Kranposition. Bevor die Wandsäge angesetzt wurde, war die Gewichtsberechnung (Dichte x Volumen) der wichtigste Arbeitsschritt. Das Lastdiagramm des 80-Meter-Krans war unerbittlich:

  • Hinterste Stelle (max. Ausladung): Maximale Last von 3,5 Tonnen.

  • Vorderste Stelle (krannah): Maximale Last bis zu 12 Tonnen.

„Jeder Schnitt definiert ein Gewicht, und dieses muss exakt zur aktuellen Reichweite des Krans passen“, so das Credo auf der Baustelle. Eine Fehleinschätzung hätte nicht nur den Kran überlastet, sondern ein massives Sicherheitsrisiko über der Invalidenstraße dargestellt. Obwohl theoretisch bis zu 12 Tonnen möglich waren, pendelten sich die schwersten tatsächlich ausgehobenen Blöcke bei etwa 6,5 bis 7 Tonnen ein.

 

Der Prozess: Bohren, Sägen, Heben

Der Arbeitsablauf folgte einem strengen Rhythmus, der über vier Monate von 2 bis 4 Fachkräften exekutiert wurde:

  1. Kalkulation & Anschlagen: Nach der Gewichtsbestimmung wurden pro Block zwei Kernbohrungen (Ø 100 mm) gesetzt. Diese dienten als Durchlass für die Anschlagmittel.

  2. Vorspannung: Das Betonteil wurde bereits vor dem Freischneiden vom Kran „an den Haken genommen“ und auf Vorspannung gebracht, um ein Absacken zu verhindern.

  3. Trennschnitte: Standardmäßig erfolgten ein Horizontalschnitt und zwei Vertikalschnitte.

  4. Aushub: In ständiger Kommunikation mit dem Kranführer wurde das Teil behutsam herausgelöst und zur Entsorgung geschwenkt.

 

Erschwernis: Mineralfaserdämmung (KMF)

Zu den statischen Herausforderungen kam die Bausubstanz. In den Wänden war KMF-Mineralfaserdämmung verbaut. Dies erforderte besondere Vorsicht beim Rückbau der äußeren Gebäudeteile. Für die Seliger GmbH war hierbei die Qualifikation der Mitarbeiter entscheidend. Ein Sachkundenachweis nach TRGS 519 war für das Personal vor Ort obligatorisch, um den korrekten Umgang mit den potenziell lungengängigen Fasern und das ordnungsgemäße Recycling der Außenwände zu gewährleisten.

 

Fazit: Das Projekt an der Invalidenstraße zeigt exemplarisch die Leistungsfähigkeit moderner Sägetechnik im innerstädtischen Raum. Bei Wandstärken von 36 cm (außen) und 20 cm (innen) sowie Deckenstärken von 12 cm wurde das Gebäude in chirurgischer Präzision zerlegt, ohne den Berliner Verkehrsinfarkt auszulösen.

bottom of page